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Das Immunsystem im Krebsgeschehen– ein Überblick
nach: Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums, Heidelberg

Warum schlüpfen Krebszellen durch die Maschen der Immunabwehr? Hat das Immunsystem bei Krebspatienten tatsächlich versagt? Krebsforscher wissen heute, dass die Vorgänge in der körpereigenen Abwehr viel zu komplex sind, als dass eine "Immunstärkung" einen nachweisbaren Einfluss auf eine Erkrankung hätte. Erst das verbesserte Verständnis des Immunsystems ermöglichte in den vergangenen Jahren die Entwicklung neuer Therapieansätze.

Warum hat das Immunsystem bei Krebspatienten versagt?

Das menschliche Immunsystem hat sich über Jahrmillionen auf die Abwehr von Krankheitserregern eingestellt. Tumorzellen sind jedoch niemals so fremd wie Bakterien, Viren oder Pilze: Sie tragen im Vergleich zu diesen Eindringlingen immer noch sehr viele Merkmale des Gewebes, aus dem sie ursprünglich stammen. Andere Mechanismen gehen dagegen bei vielen Krebszellen verloren, die für die Signalkette "kranke Zelle – Erkennung und Immunreaktion – Absterben der kranken Zelle" wichtig sind: die Zellen werden unsterblich. Krebszellen können sich sogar "tarnen", indem sie Eigenschaften anderer Gewebe annehmen.

Die Erkennung und Vernichtung von Krebszellen sind dem Immunsystem trotzdem möglich und geschehen vermutlich auch bei Gesunden sehr häufig, ohne dass man etwas davon spürt. Die Vorgänge dabei sind jedoch sehr komplex, da eine zu starke Reaktion auf körpereigene Zellen dazu führen könnte, dass das Immunsystem nicht nur Tumorzellen, sondern auch gesundes Gewebe angreift und zerstört, eine Situation, wie sie bei den so genannten Autoimmunerkrankungen wie Rheuma oder Multipler Sklerose vermutet wird.

Krebsforscher sprechen daher heute nur ungern davon, dass das Immunsystem „versagt habe“, wenn Krebs entsteht. Auch verfügt man nicht über zuverlässige Tests, die eine derartige Aussage belegen könnten. Man weiß heute auch, dass es nicht reicht, einfach nur das Immunsystem unspezifisch „zu stimulieren“, um Krebs zu bekämpfen.

Mit wachsender Kenntnis der körpereigenen Abwehrmechanismen sind jedoch zunehmend mehr Strategien denkbar, gezielter in die biologischen Mechanismen der Tumorzellbekämpfung einzugreifen. Einen Ersatz für Operation, Bestrahlung, Chemotherapie oder Hormontherapie stellen immuntherapeutische Verfahren bisher jedoch nur im Ausnahmefall und bei sehr wenigen seltenen Tumorarten dar.

Wie arbeitet die Immunabwehr bei der Bekämpfung von Viren oder Bakterien?

Dringt ein Krankheitserreger in den Körper ein, können schon relativ primitive Tiere sich schützen: Weiße Blutkörperchen, die Lymphozyten, wandern durch ihre Körperflüssigkeiten, Gewebe und Organe und unterscheiden "fremd" von "selbst"; die Organismen können Antikörper produzieren, die die Krankheitserreger markieren, und sie haben spezialisierte Abwehrzellen entwickelt, die in einem hochkomplexen Zusammenspiel nicht nur den jeweiligen Eindringling bekämpfen, sondern auch oft dafür sorgen, dass bei weiteren Infektionen eine Immunantwort mittels einer Art Gedächtnis sofort loslaufen kann.

Bei Säugetieren sind die Bestandteile und Funktionen des Immunsystems wie beim Menschen ausgeprägt, was darauf hindeutet, dass alle diese Mechanismen entwicklungsgeschichtlich schon sehr alt sind.

Dabei spielen spezialisierte Zellen eine Rolle, ebenso aber auch Stoffe, die von ihnen oder anderen Geweben produziert werden, und die im Blut oder in anderen Körperflüssigkeiten gelöst sind. Mit wenigen Ausnahmen greifen alle Bestandteile des Immunsystems bei der Abwehr ineinander, teilen die Aufgaben auf, arbeiten gemeinsam, stimulieren sich, regulieren und dosieren die Immunantwort, und sie beenden sie auch wieder.

Welche Bestandteile benötigt eine Immunantwort?

Ein eigentliches Organ für das Immunsystem gibt es nicht, die Abwehr muss im ganzen Körper funktionieren.
Wichtige "Zentralen", in denen viele Schritte der Immunabwehr ablaufen und sich Zellen der Immunabwehr bilden oder sammeln, sind aber das Knochenmark, der Thymus, die Milz, Lymphknoten und Lymphbahnen, die Mandeln und der Blinddarm. Da alle diese "Zentralen" über das Blut, die Lymphbahnen und direkt das Gewebe und die das Gewebe umgebende Flüssigkeit miteinander in Verbindung stehen, ist eine Immunreaktion nur bedingt eine lokal begrenzte Angelegenheit.

Die Zellen des Immunsystems entstehen aus so genannten Stammzellen im Knochenmark. Sie können noch alles, sie sind "pluripotent". Teilen sie sich weiter, erhalten ihre Tochterzellen ihre unterschiedlichen Aufgaben, darunter die der Bildung der meisten nicht zellulären Bestandteile des Immunsystems, zum Beispiel der Antikörper. Zu diesen Zellen gehören:

Weiße Blutkörperchen, ursprünglich so nach ihrem Aussehen unter dem Mikroskop benannt, bestehen aus Untergruppen mit besonderen Funktionen. Dazu gehören die B-Lymphozyten, die Antikörper bilden; T-Lymphozyten mit unterschiedlichen Aufgaben, darunter die Auslösung einer gezielten Immunantwort oder die Bildung von regulierenden Zellhormonen, den so genannten Zytokinen. Dazu gerechnet werden auch die Phagozyten, die als Fresszellen aktiv sind und als Hilfszellen für andere Funktionen eine Rolle spielen; Granulozyten mit Untergruppen, die zum Beispiel auf Parasiten spezialisiert sind, oder viele Stoffe produzieren, die bei einer Entzündungsreaktion für die Signalübertragung im Körper wichtig sind.

Noch gar nicht lange bekannt ist die Funktion anderer Zellen des Immunsystems, die im Blutbild zwar schon lange gesehen wurden, sich erst mit der Einführung molekularbiologischer Methoden aber ihr Geheimnis entlocken ließen. Dazu gehören zum Beispiel die dendritischen Zellen, die dafür sorgen, dass ein Fremdkörper, ein so genanntes Antigen, auch wirklich als solcher erkannt und im Immunsystem regelrecht "herumgezeigt" wird.

In ihrer Funktion nach ihrer Bildung nicht mehr an Zellen gebunden sind die Antikörper, die sich gezielt und hochspezifisch an Fremdstoffe anheften und sie so neutralisieren. Das Komplementsystem dagegen besteht aus verschiedenen Eiweißen und reagiert relativ unspezifisch auf Mikroorganismen.

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Wirkt das Immunsystem in allen Teilen des Körpers?

Während die meisten Bakterien sich überwiegend in den Körperflüssigkeiten (etwa im Blut oder in Gewebsflüssigkeit) aufhalten und vermehren, ziehen sich Viren zur Vermehrung ins Innere von Körperzellen zurück. Aus diesem Grund hat das Immunsystem zwei verschiedene Abwehrstrategien parat: eine zur Bekämpfung von Krankheitserregern in Körperflüssigkeiten und eine zur Vernichtung von infizierten Körperzellen.

Den Teil des Immunsystems, der sich mit der Bekämpfung von Krankheitserregern in Körperflüssigkeit befasst, nennt man „humorale Abwehr“ (Humor, lat.: Körperflüssigkeit), dazu gehören zum Beispiel Antikörper und das Komplementsystem. Der Teil, der auf die Vernichtung infizierter Körperzellen ausgerichtet ist, heißt „zelluläre Abwehr“; er dient auch zur Zerstörung von Krebszellen, die erkannt werden konnten.

Muss die Immunantwort trainiert werden?

Ein Teil der Immunantwort ist angeboren; sie hat sich aus dem Jahrmillionen alten Kampf der Wirbeltiere gegen Viren und Bakterien entwickelt. Die Funktion des Komplementsystems richtet sich zum Beispiel gegen Bestandteile der Zellwand von Krankheitserregern, die sich im Lauf der Evolution praktisch nicht verändert haben und heute im Großen und Ganzen noch so aussehen wie zu den Zeiten der Dinosaurier. Fresszellen reicht deshalb das Signal "fremd", um aktiv zu werden. Eine schnelle Reaktion innerhalb von Minuten bis Stunden soll Viren und Bakterien schon beim ersten Eindringen in den Körper abwehren und an der Vermehrung hindern, und dieser Teil der Immunabwehr ist ständig und sofort einsatzbereit.

Fehlen die sehr typischen und weit verbreiteten Merkmale, gegen die die angeborene Immunabwehr reagiert - weil ein Krankheitserreger zum ersten Mal auftritt, durch Veränderungen nicht mehr dem typischen Schema entspricht, weil eine Krebszelle auf eine ganz neue Weise mutiert ist - muss der Körper eine Immunantwort „maßschneidern“. Die dabei aktiv werdenden Abwehrmechanismen nennt man im Gegensatz zur angeborenen erworbene oder adaptive Immunantwort. Wichtige Bestandteile sind die B- und T-Lymphozyten. Ihre Reaktion ist spezifisch und zielgerichtet.

Als Training für diese Abwehrmechanismen dient jede Infektion, jeder Kontakt mit körperfremden Stoffen und Krankheitserregern, aber auch jede Schutzimpfung. Das Immunsystem ist auch abhängig vom Allgemeinzustand, von körperlicher Bewegung und von der Ernährung, zum Beispiel von der Eiweißversorgung des Körpers.

In seltenen Fällen sind Immundefekte angeboren; betroffene Menschen sind meist schon in der Kindheit schwer krank und ständig von Infekten bedroht. Erworbene Immundefekte entstehen bei AIDS und einigen anderen Virusinfektionen. Das Immunsystem bricht auch nach schwersten Verletzungen - so genannten Polytraumen – zusammen.

Schließlich stören manche Medikamente, darunter leider auch einige Krebsmedikamente, vorübergehend die Immunabwehr. Krebspatienten können jedoch auf keinen Fall automatisch davon ausgehen, dass bei ihnen ein solcher Immundefekt besteht, auch wenn vor allem Anbieter unkonventioneller Verfahren dies gern suggerieren, um Mittel zur "Immunstärkung" zu bewerben.

Welche Mechanismen spielen bei der Erkennung von Tumorzellen eine Rolle?

Die zelluläre Abwehr kümmert sich im Prinzip auch um Körperzellen, die typische Veränderungen auf dem Weg zur Krebsentstehung hin durchgemacht haben.

Um vom Immunsystem erkannt zu werden, müssen Krebszellen entweder deutlich beschädigt sein (wonach sie für das Tumorwachstum in der Regel sowieso nicht mehr von Bedeutung wären), oder sie müssen an ihrer Zelloberfläche Merkmale tragen, die sie von gesunden Zellen unterscheiden. Diese Merkmale nennen Immunologen tumorassoziierte Antigene (TAA). Produziert werden sie aufgrund der in der Krebsentstehung veränderten Bauanleitung in den Genen der Tumorzellen.

Dabei müssen solche Antigene nicht immer nur fremd oder unnormal sein. So kann es zum Beispiel passieren, dass in Krebszellen Programme aus der Embryonalentwicklung wieder angeworfen werden, die in „erwachsenen“ Zellen völlig fehl am Platz sind. Oder ein Merkmal wird durch die Vervielfachung seines Bauplans in der Erbsubstanz viel zu oft produziert, was ebenfalls einen fassbaren Unterschied zu gesunden Zellen darstellt. Die letzten beiden Unterschiede sind aber wiederum nicht körperfremd, so dass das Immunsystem nicht automatisch reagiert.

Warum entgehen Krebszellen dem Immunsystem?

Ein grundsätzliches Problem in der Erkennung von Tumorzellen durch das körpereigene Immunsystem besteht darin, dass Tumoren im Gegensatz zu den meisten Mikroorganismen keine Entzündungsreaktion auslösen. Damit fehlt dem Immunsystem das Signal zum Start der Immunreaktion. Sind keine tumorassoziiierten Antigene ausgebildet, behandelt das Immunsystem die Tumorzelle wie gesundes Gewebe. So konnte vor einiger Zeit beispielsweise gezeigt werden, dass sich Krebszellen aus der Brust oder der Prostata regelrecht "tarnen" können und dann wie Knochenzellen aussehen. Das Immunsystem reagiert dementsprechend nicht, und so ist es auch kein Wunder, dass Tumorarten wie Brustkrebs und Prostatakrebs zu Metastasen in den Knochen führen können.

Hinzu kommt das Fehlen von Hilfsstrukturen auf vielen Krebszellen, die die erste Immunreaktion und das „Gedächtnis“ des Immunsystems für weitere Tumorzellen überhaupt erst ermöglichen würden.

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Welche Ansätze verfolgt die Immunologie bei der Entwicklung von Behandlungsverfahren?

Antikörper gegen tumorspezifische Merkmale gibt es bereits für einige Krebsarten; sie sollen überwiegend helfen, einen Rückfall zu verhindern oder eine fortgeschrittene Erkrankungssituation beherrschen zu können.

Antikörper


Auf die Therapie mit Antikörpern setzen viele Krebspatienten, die durch Berichte in Zeitungen oder im Fernsehen auf diese Form der Immuntherapie aufmerksam wurden. Eine viel größere Rolle als in der Behandlung spielen Antikörper jedoch derzeit noch in der Krebsdiagnostik.

Antikörper sind Eiweißmoleküle, die körperfremde und gegebenfalls auch körpereigene Strukturen als sogenannte Antigene erkennen und sich an ihnen festheften. Sie haben eine wichtige Funktion bei der menschlichen Immunabwehr gegen Krankheitserreger. Treten sie mit einem fremden Antigen, beispielsweise auf der Oberfläche von Bakterien, in Kontakt, ist dies ein Signal für das Immunsystem. Abwehrzellen werden alamiert und weitere Mechanismen ausgelöst, die unerwünschte Eindringlinge unschädlich machen.

Wie, wo und wann werden Antikörper gebildet?

Gebildet werden die Antikörper von einem bestimmten Typ weißer Blutkörperchen, den so genannten B-Lymphozyten oder B-Zellen. Diese Zellen sind hochspezialisiert: Jede produziert einen Antikörper, der ein ganz bestimmtes Merkmal erkennt. Der Körper verfügt über Billiarden und mehr (1012-1015) verschiedener B-Zellen, von denen jede einen anderen Antikörper hervorbringt. Eine fast unbeschränkte Vielfalt ermöglicht die Erkennung praktisch jeder fremden Struktur, die etwa durch eindringende Mikroorganismen dem Immunsystem präsentiert wird. Diese Leistung ist nur möglich, weil sich der Körper bei der Antikörperbildung aus einer Art Baukasten bedient: Sie bestehen aus Einzelbausteinen, und nicht die gesamte Struktur, sondern nur der das fremde Antigen erkennende Teil muss immer wieder neu angepasst werden. Der unspezifische, andere Teil des Antikörpers ist auf das „Andocken“ an die körpereigenen Abwehrzellen ausgerichtet und sieht immer weitgehend gleich aus.

Hat der Körper einmal Kontakt mit einer fremden Struktur gehabt, stellen B-Zellen auch eine Art Gedächtnis für dieses Antigen dar: ein Effekt, der die Neuproduktion von Antikörpern erheblich beschleunigt und zum Beispiel bei Impfungen gegen Infektionskrankheiten ausgenutzt wird. Sobald im Körper eine fremde Struktur, etwa ein Virus, auftaucht und die Nachricht davon zu den B-Zellen gelangt, beginnt ein Reifungs- und Teilungsprozess, an dessen Ende die massenhafte Produktion virusspezifischen Antikörper steht.

Reagieren Antikörper auch auf Tumoren?

Normalerweise tun sie dies leider nur in so begrenztem Umfang, dass es für die Krebstherapie größerer Tumoren bisher kaum eine Rolle spielte. Dies beruht auf einer eigentlich höchst sinnvollen Schutzfunktion, die der Körper normalerweise aufrechterhält, um sich nicht selbst anzugreifen: Die Antikörper produzierenden B-Zellen reifen im Knochenmark. Dort wird ihnen durch Auslese schon sehr früh „abtrainiert“, sich versehentlich gegen körpereigene Strukturen zu richten.

Dies ist auch der Grund, warum Antikörper nur in sehr geringem Umfang direkt gegen Krebs wirken: Tumorzellen sind zwar im Vergleich zu dem Gewebe, aus dem sie stammen, mehr oder weniger stark verändert. Doch sie präsentieren auf ihrer Oberfläche aus den verschiedensten Gründen nur selten so veränderte Antigene, dass ein Antikörper darauf reagiert. Wären natürliche Antikörper empfindlicher, müssten Patienten damit rechnen, als Folge einer Krebsbehandlung sogenannte Autoimmunerkrankungen zu erleiden, bei denen die Antikörper sich auch gegen gesundes Gewebe richten.

Um die Funktion von Antikörpern trotzdem für die Krebsdiagnostik und die Krebstherapie zu nutzen, wurden in den letzten Jahren erhebliche Forschungsanstrengungen unternommen, damit Antikörper gezielt sehr einheitlich und mit klar definierten Angriffszielen produziert werden können. Eine wesentliche Voraussetzung war die Entwicklung so genannter monoklonaler Antikörper.

Was ist das Besondere an "monoklonalen" Antikörpern?

Krankheitserreger tragen auf ihrer Oberfläche, wie andere Zellen auch, nicht nur ein einzelnes fremdes Merkmal, sondern präsentieren der Abwehr unter natürlichen Bedingungen viele verschiedene Merkmale, so wie etwa ein Ball nicht nur rund, sondern auch rot und glatt ist und nach Gummi riecht. Bei einer Abwehrreaktion des Körpers werden deshalb eine ganze Anzahl verschiedener B-Zellen zur Produktion von Antikörpern angeregt. Als Resultat entsteht ein Gemisch von Antikörpern unterschiedlicher Spezifität (einer gegen „rund“, einer gegen „rot“, „glatt“ oder „aus Gummi“). Aus jeder dieser verschiedenen Zellen entsteht durch Teilung je ein Klon von B-Zellen, dessen Antikörper sich gegen je eines der möglichen Antigene richtet. Daher verläuft die normale Antikörperproduktion unter natürlichen Bedingungen „polyklonal“.

Die Produktion von Antikörpern durch B-Zellen kann man aber auch im Reagenzglas („in vitro“) herbeiführen. Dabei wird nur eine einzige Ursprungszelle vermehrt, die künstlich dauerhaft teilungsfähig gemacht wurde. Alle von einem solchen einzelnen „Zellklon“ gebildeten Antikörper sind demnach baugleich und auf die Erkennung nur einer bestimmten Struktur oder eines bestimmten Merkmals spezialisiert. Solche Antikörper nennt man daher monoklonal.

Für die Entwicklung des Verfahrens zur Herstellung monoklonaler Antikörper wurde Georges Köhler und Cesar Milstein 1984 der Nobelpreis für Medizin verliehen. Mit ihrer Methode können heute im Reagenzglas Antikörper in beliebigen Mengen gegen jedes beliebige Merkmal hergestellt werden. Die Technik erlaubt daher den Einsatz in der Forschung und in der Medizin; dazu müssen Antikörper unter standardisierten Bedingungen produziert werden und hohen Anforderungen an die Sicherheit genügen.

Eine wichtige Rolle spielen monoklonale Antikörper in der Diagnostik, einige Antikörper sind inzwischen als Arzneimittel zur Behandlung zugelassen.

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Welche Rolle spielen Antikörper in der Krebsdiagnostik?

Einzelne Substanzen oder Zelltypen können mit für sie spezifischen Antikörpern zum Beispiel aus Blut herausgefischt und angereichert werden. Verbindet man die Antikörpermoleküle mit radioaktiven oder fluoreszierenden Stoffen, so kann man sie sichtbar oder messbar machen und die Methode zum Nachweis und zur Konzentrationsbestimmung von Substanzen in Körperflüssigkeiten oder zur Identifizierung von Zellen anhand bestimmter Oberflächenmerkmale einsetzen. So werden heute Krankheitserreger, aber auch Tumormarker aus dem Blut nachgewiesen.

Mit passenden monoklonalen Antikörpern können auch ganze Gewebeproben untersucht werden: Ein mit Farbstoffen oder vergleichbaren Substanzen gekoppelter Antikörper bringt dann verdächtige Bereiche zum „Leuchten“ – besonders hilfreich, wenn die einfache mikroskopische Begutachtung nicht ausreicht, um feingewebliche Einzelheiten eines Tumors zu erkennen und zu interpretieren.

Von solchen Nachweisen profitieren viele Krebspatienten bei ihrer Behandlungsplanung: Mittels Antikörper lässt sich beispielsweise nachweisen, ob Zellen aus einem Brusttumor auf eine Hormontherapie ansprechen werden oder andere für die Therapie aussagekräfte Merkmale tragen.

Bei der Immunszintigraphie nutzt man monoklonale Antikörper auch zur Auffindung von kleinen Tumorherden im Körper. Antikörper, die gegen bestimmte Merkmale von Tumorzellen gerichtet sind, werden mit radioaktiven Substanzen beladen und in eine Vene des Patienten gespritzt. Sie verteilen sich im Körper und reichern sich in gewissem Ausmaß im Tumorgewebe an. Mit Hilfe von Gammakameras, die die Verteilung radioaktiver Strahlungsquellen im Körper abbildet, können sie von außen sichtbar gemacht und lokalisiert werden.

An ihre Grenzen stoßen die Nachweismöglichkeiten von Krebszellen oder Tumoreigenschaften allerdings immer dann, wenn sich die Tumoren nicht ausreichend von gesundem Gewebe unterscheiden. Markiert ein Antikörper zu einem höheren Prozentsatz auch normale Zellen oder findet er auf Krebszellen kein so besonderes Merkmal, dass er überhaupt ansetzen kann, ist er für die Krebsuntersuchung nutzlos.

Wie sieht es mit der Eignung für die Krebstherapie aus?

Das gleiche Problem stellt sich auch bei der Therapie. Unterscheiden sich Krebszellen nicht ausreichend von gesunden Zellen, haben Antikörper praktisch keine Chance. Selbst wenn dies der Fall ist, binden sich Antikörper unter natürlichen Bedingungen nur selten an Tumorzellen und schädigen sie dadurch direkt. Viel häufiger löst die Antikörperbindung ein Signal aus, durch das Zellen, die mit Antikörpern überzogen sind, vom Immunsystem erkannt und eliminiert werden. Bei größeren Tumoren spielt diese Funktion jedoch unter natürlichen Bedingungen praktisch keine Rolle, da hier die schiere Verteilung und der Kontakt der Antikörper mit dem Tumorgewebe eingeschränkt ist.

Trotzdem sind einige als Arzneimittel produzierte Antikörper inzwischen zugelassen. Aufgrund der hohen Spezifität lassen sie sich jedoch bisher für wenige Tumorarten und auch dann nur für Patienten in ganz bestimmten Krankheitsstadien einsetzen.

Die bisher zur Verfügung stehenden Medikamente repräsentieren gleichzeitig auch die verschiedenen Möglichkeiten, die besonderen Eigenschaften von Antikörpern für die Therapie nutzbar zu machen:

Der Antikörper in der Brustkrebstherapie dient dazu, ein Wachstumssignal für Krebszellen zu stoppen: Er erkennt dessen besondere Bindungsstellen auf den Tumorzellen, koppelt sich an und blockiert so deren Wachstum. Gesunde Zellen tragen das Merkmal nur in geringem Umfang und werden kaum geschädigt. Der Antikörper ergänzt übliche Behandlungsverfahren, ersetzt sie aber nicht, dazu reicht die Wirkung meist nicht aus. Auch ist das Merkmal zwar tumorspezifisch, aber längst nicht bei allen Brustkrebspatientinnen nachweisbar.

Der Antikörper, der gegen eine Leukämieform zugelassen ist, richtet sich ebenfalls gegen ein krebsspezifisches Merkmal. Er wurde außerdem mit einem Zytostatikum gekoppelt, das er so hochspezifisch an die Krebszellen heranbringt und gesunde Zellen ausspart. Da Leukämie keine Krebsart ist, die Tumoren bildet, und die Krebszellen meist über den ganzen Körper verteilt sind und nicht in einem Gewebeverband sitzen, stellt sich hier auch nicht das Verteilungs- und Reichweiteproblem für den Antikörper.

Gleiches gilt auch für Antikörper in der Lymphombehandlung: Er bindet an ein spezifisches Merkmal der Lymphomzellen. Sein Wirkungsmechanismus beruht jedoch auf der Auslösung einer Immunreaktion gegen die Zellen, er funktioniert hier also wie bei der Abwehr von Krankheitserregern. Auch schädigt die Bindung anscheinend auch die Zellen direkt und macht sie empfindlicher gegen eine Chemotherapie.

Viele weitere Antikörper, die diese und weitere Mechanismen nutzen, befinden sich in verschiedenen Phasen klinischer Erprobung. Immer häufiger setzen Krebsexperten dabei auf künstliche Antikörper, die zwei und mehr Bindungsstellen haben, um Antikörper zum Vehikel für Medikamente oder andere Stoffe zu machen.

Als Hilfsmittel dienen monoklonale Antikörper zur Sortierung und Reinigung von Spenden für Blutstammzelltransplantationen. Die für die Übertragung benötigten Blutvorläuferzellen lassen sich mit monoklonalen Antikörpern gezielt aus dem Blut herausfiltern.

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Welche Probleme beschränken die Anwendung heute noch?

Auf Krebszellen tumorspezifische Merkmale zu finden, die nicht auch auf gesunden Zellen vorkommen, ist gar nicht so einfach. Krebsspezialisten müssen daher bei der Entwicklung von therapeutischen Antikörpern auf einem schmalen Grat zwischen der Wirksamkeit gegen Tumoren und der Auslösung einer gefährlichen Autoimmunerkrankung bei behandelten Patienten balancieren. Die Suche nach solchen Antigenen schreitet jedoch ständig voran.

Auch gelangen die Antikörpermoleküle besonders bei großen Tumoren oder Metastasen, die schlecht mit Blutgefäßen versorgt sind, oft nicht in ausreichender Menge an ihr Ziel. Gegen eine sehr große Anzahl von Krebszellen bei großen Tumoren und zahlreichen Metastasen können sie wenig ausrichten.

Die eigentliche Tumortherapie mit Antikörpern allein ist daher auch in Zukunft sicher nur selten möglich. Viel eher setzen Mediziner sie zur Vernichtung einzelner Tumorzellen ein, die nach Operation, Bestrahlung oder Chemotherapie im Körper zurückbleiben und unter ungünstigen Bedingungen zu Metastasen auswachsen. Ein solcher Antikörper war bereits zur Vorbeugung eines Rückfalls bei Darmkrebs zugelassen, erfüllte die in ihn gesetzten Hoffnungen jedoch nicht.

Eine Möglichkeit, die zu schwache Wirkung der Antikörper zu verstärken, ist die Kopplung mit weiteren Zytostatika und auch radioaktiven Substanzen. Dazu sind zwei oder mehr Bindungsstellen nötig, die sich im Reagenzglas bei so genannten bi- oder trispezifischen Antikörpern konstruieren lassen.

Ein weiteres Problem wird sich durch neue Entwicklungen vermutlich ebenfalls lösen lassen: Weil viele der therapeutisch eingesetzten Antikörper bisher aus technischen Gründen künstlich in Mäusezellen gebildet werden und Teile eines Mausantikörpers enthalten, können sich mit der Zeit auch Abwehrreaktionen des Körpers gegen die "Mausmerkmale" entwickeln, was die therapeutische Wirksamkeit neutralisiert. Hier helfen gentechnische Methoden, den Mausanteil so klein wie möglich zu machen oder ganz auf künstliche, aber „menschliche“ (humanisierte) Antikörper auszuweichen.

Andere "Hoffnungsträger"

Ein bisschen zurückgenommen haben die Krebsforscher die Hoffnungen, die sie auf die Botenstoffe des Immunsystems als Medikament gesetzt hatten: Interferone und die Interleukine sind keine Allheilmittel, können in einigen klar begrenzten Krankheitssituationen jedoch von großem Nutzen sein.

"Impfen gegen Krebs", darunter verstehen Ärzte heute nicht mehr nur den Schutz vor krebsauslösenden Viren. Mit Vakzinen, die zur Aktivierung von Immunzellen gezielt gegen Krebszellen dienen sollen, sind erste Erfolge in Studien erzielt worden. Zu den Standardmethoden gehören sie noch nicht.

Im weitesten Sinn rechnen heute auch die Transplantation von Knochenmark- oder Blutstammzellen zu den Immuntherapien: Früher wurden sie nur eingesetzt, um die Nebenwirkung einer Hochdosischemo- oder Strahlentherapie aufzufangen. Heute weiß man, dass transplantierte Spenderstammzellen, aus denen sich alle Zellen des Immunsystems bilden, zum Beispiel bei Leukämiepatienten verbliebene Krebszellen direkt bekämpfen können.

Was müssen Krebspatienten wegen ihrer Immunabwehr beachten?

Patienten während und kurz nach einer Chemotherapie sind anfälliger gegenüber Infektionen durch Krankheitserreger; wie gefährdet sie gegenüber Viren, Bakterien oder Pilzen sind, lässt sich aber problemlos aus der Zahl ihrer weißen Blutkörperchen ablesen. Normalerweise wird niemand aus dem Krankenhaus entlassen, wenn das Blutbild nicht soweit in Ordnung ist, dass eine unmittelbare Gefahr nicht besteht. Anders sieht es lediglich bei Patienten mit Leukämien und Lymphomen aus, vor allem dann, wenn eine Hochdosistherapie das Immunsystem komplett zerstört hat und erst wieder neu aufgebaut werden muss. Diese Gruppe erhält von ihren Ärzten und Pflegern jedoch besondere Hinweise zum Schutz vor Infektionen.

Ist eine Krebserkrankung überstanden und die Behandlung beendet, müssen die meisten Krebspatienten sich keine Sorgen um ihr Immunsystem machen: Gegen Krankheitserreger wie Viren, Bakterien oder Pilze schützt es sie meist wie vor und während der Erkrankung auch. Schutzimpfungen oder das Auffrischen bereits vorhandener Impfungen helfen darüber hinaus, vor Infektionen so sicher wie möglich zu sein.

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