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DGE-Stellungnahme zu „Gemüse- und Obstprodukten“ als Nahrungsergänzungsmittel
Dr. Bernhard Watzl, Prof. Dr. Gerhard Rechkemmer, Institut für Ernährungsphysiologie, Bundesforschungsanstalt für Ernährung, Karlsruhe

In zahlreichen retrospektiven sowie in neuerer Zeit auch in prospektiven Studien wurde eine inverse Assoziation zwischen der Aufnahme an Gemüse und Obst und dem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Diabetes mellitus Typ 2 beobachtet (World Cancer Research Fund/American Institute for Cancer Research 1997, Williams et al. 1999, Joshipura et al. 2001, Liu et al. 2001, Terry et al. 2001). Für diese präventiven Wirkungen sind neben den essentiellen Nährstoffen wahrscheinlich auch Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe mit verantwortlich (Hauner u. Watzl 2001, Watzl 2001).Verschiedene Institutionen in den USA sowie in Europa empfehlen deshalb besonders einen erhöhten Verzehr von Gemüse und Obst. In Deutschland ist hier an erster Stelle die Kampagne „5 am Tag“ zu nennen, die den Verzehr von rund 600 g Gemüse (3 Portionen) und Obst (2 Portionen), teilweise in Form von unerhitzter Kost, propagiert.

Trotz dieser Initiativen ist der Verzehr von Gemüse in Deutschland noch immer gering im Vergleich zu südeuropäischen Ländern; etwa 88 % der Deutschen essen täglich weniger als 250 g (Naska et al. 2000). Diese Defizite wurden von verschiedenen Firmen erkannt. Sie bieten Gemüse- und Obstprodukte (Pulver, Presslinge, Konzentrate, Tabletten) an, die für jene Personen, die aus unterschiedlichen Gründen täglich zu wenig Gemüse und Obst verzehren, die Lücke bis zur empfohlenen Zufuhrmenge angeblich schließen sollen. Die ernährungsphysiologische Qualität dieser Produkte ist jedoch selten in wissenschaftlichen Studien überprüft. Schlussfolgerungen zur gesundheitlichen Wirkung von Extrakten werden aus wissenschaftlichen Studien mit Gemüse und Obst direkt übernommen und auf die Extrakte übertragen. Ein solches Vorgehen ist jedoch wissenschaftlich keineswegs zulässig. Darüber hinaus wird mit sachlich falschen Aussagen beim Verbraucher der Eindruck erweckt, dass das in den Lebensmittelgeschäften angebotene Gemüse und Obst „nährstoffarm“, „überlagert“ und bei industriell verarbeiteten Produkten „stark verarbeitet“ ist und letztendlich nicht mehr die benötigten Inhaltsstoffe liefert. Zudem sollen laut Angabe einzelner Anbieter solcher Nahrungsergänzungsmittel nicht nur 5 Portionen (mit etwa 120 g pro Portion) Gemüse und Obst in erhitzter und unerhitzter Form, wie von „5 am Tag“ empfohlen, sondern 5–10 Portionen roh gegessen werden (angebliche Portionsgröße 150–250 g!). Da diese Mengen nicht ohne weiteres verzehrt werden können, muss der Verbraucher zu dem Schluss kommen, auf Nahrungsergänzungsstoffe zurückgreifen zu müssen, um der Gesundheit nicht zu schaden. Den Aussagen von Werbebroschüren und Internetseiten zu diesen Gemüse- und Obstprodukten steht eine Reihe von Argumenten gegenüber, die die propagierten gesundheitlichen Vorzüge solcher Produkte eindeutig in Frage stellen.

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Angaben zum Gehalt an wertgebenden Inhaltsstoffen

Die Hersteller solcher Produkte haben keine Daten darüber veröffentlicht, welches Spektrum und wie viel sekundäre Pflanzenstoffe sie mit ihrem Extraktionsverfahren isolieren. Lediglich für einzelne Stoffe werden von einigen Herstellern Angaben gemacht.

Generell können nicht alle sekundären Pflanzenstoffe aus einer Gemüsepflanze mit einer Extraktionsmethode gewonnen werden, weil wasserlösliche Stoffe (z. B. Glucosinolate) andere Extraktionsverfahren benötigen als z. B. fettlösliche Carotinoide. Die Aussage, ein entsprechendes Produkt sei „Obst- und Gemüsesaft in getrockneter Form“ und enthalte alles, was in vollreifem Obst und Gemüse enthalten ist, ist nicht durch wissenschaftliche Daten belegt. Für Apfelsaft ist z. B. bekannt, dass über 80% der Flavonoide beim Pressvorgang im Apfeltrester verbleiben und nur ca. 20% in den Saft übergehen (van der Sluis et al. 1997). Ein Vergleich der Inhaltsstoffe der Nahrungsergänzungspräparate mit kommerziell erhältlichen Gemüse- und Obstsäften, wie von einem Hersteller durchgeführt, ist sachlich nicht korrekt, da diese Säfte ebenfalls nicht das komplette Spektrum an Inhaltsstoffen, wie sie im unverarbeiteten Ausgangsprodukt vorliegen, aufweisen. Ein analytischer Nachweis über das Vorkommen und die Konzentration von sekundären Pflanzenstoffen (z. B. Glucosinolate, Flavonoide, Lignane) ist für die Bewertung dieser Produkte jedoch unbedingt erforderlich.

Bioverfügbarkeit

Ein weiterer kritischer Aspekt ergibt sich aus der Frage, in welchem Umfang die in den Produkten vorhandenen sekundären Pflanzenstoffe vom Körper aufgenommen werden. Solche Kenntnisse sind unbedingt notwendig, um die ernährungsphysiologische Qualität dieser Produkte bewerten zu können. Bisher liegen lediglich zu einem Produkt Informationen zur Bioverfügbarkeit von Carotinoiden vor, die allerdings nicht aus kontrollierten Studien stammen und die teilweise konträre Ergebnisse berichten. So wird in einer Publikation hierzu geschrieben, dass die Lutein/Zeaxanthinkonzentration im Plasma nach vierwöchiger Aufnahme des entsprechenden Produkts unverändert war (Wagner et al. 1996). Eine zweite Studie konnte nach 80 Tagen ebenfalls keinen Effekt auf den Plasmaluteingehalt feststellen (Smith et al. 1999). Hingegen konnte in einer weiteren Studie eine Erhöhung des Plasmaluteingehaltes nach Supplementierung mit dem Produkt beobachtet werden (Wise et al. 1996), wobei die Studienteilnehmer zu Beginn dieser Studie extrem geringe Plasmacarotinoidkonzentrationen aufwiesen, wofür die Autoren der Studie keine Begründung geben. Auf Grund von Erfahrungen auf dem Gebiet der Carotinoidanalytik im Humanblut weiß man, dass es äußerst schwierig ist, Versuchspersonen mit solch extrem niedrigen Carotinoidplasmakonzentrationen überhaupt zu finden (Müller et al. 1999, Watzl et al. 2000, National Institute of Medicine 2000).
Fazit: Für die ernährungsphysiologisch wirksamen Inhaltsstoffe solcher Nahrungsergänzungsmittel fehlt in aller Regel der Nachweis der Bioverfügbarkeit.

Biologische Wirksamkeit

Der Nachweis von in-vitro-Effekten ("Reagenzglas-Versuch") mit verschiedenen Pflanzenextrakten bzw. -konzentraten (z. B. antioxidative Wirkung) kann nicht direkt auf den Menschen übertragen werden. Für viele Anthocyane ist z. B. in vitro eine antioxidative Wirkung belegt. Allerdings liegen die hierfür benötigten Konzentrationen weit über den Anthocyaninkonzentrationen, wie sie beim Menschen nach der Aufnahme von Anthocyaninen (isoliert oder in natürlicher Form vorliegend, z. B. Traubensaft) gemessen wurden (Bub et al. 2001).

Ein weiteres großes Problem stellen die wenigen mit solchen Nahrungsergänzungsmitteln durchgeführten Interventionsstudien dar. Bei den Studien zur Immunmodulation und zum Schutz vor DNA-Schäden durch die tägliche Aufnahme eines bestimmten Produktes wurden keine Kontrollgruppen mitgeführt (Inserra et al. 1998, Smith et al. 1999). Dadurch ist die Aussagekraft der gewonnenen Daten sehr in Frage zu stellen. Saisonale Effekte könnten die gewonnenen Ergebnisse mit beeinflusst haben. Zusätzlich könnten bestimmte Ernährungsfaktoren und nicht die Nahrungsergänzungspräparate für die beobachteten Effekte verantwortlich sein. Teilweise wurden für diese Studien Kollektive ausgewählt, die auf Grund ihrer Ausgangswerte keine repräsentative Gruppe darstellen. Dies trifft sowohl für die Ausgangswerte der Plasmacarotinoide (Wise et al. 1996), der Plasmaascorbinsäure (Wagner et al. 1996) als auch für den sehr hohen DNA-Schädigungsgrad zu Beginn der Studie von Smith et al. (1999) zu. Die dabei gewonnenen Daten sind somit für den Durchschnittskonsumenten nicht aussagekräftig. Dementsprechend ist es nicht überraschend, dass eine Supplementierung bei Mangelernährung zu deutlich positiven Effekten hinsichtlich Plasmaascorbinsäure, Plasmacarotinoiden, Antioxidantienstatus und DNA-Schädigungsrate führte. Solche Effekte lassen sich bei Personen mit Mangelernährung auch mit konventionellen Vitaminpräparaten erzielen.

Für die inzwischen von mehreren Herstellern angebotenen Rotweinkapseln gibt es ebenfalls keine Studien zur biologischen Wirksamkeit. Zudem enthalten Rotweinkapseln teilweise zusätzlich Vitamin- und Mineralstoffzusätze, z. B. Vitamin C, B2, B6, B12, Folsäure und Magnesium. Welche Wirkungen direkt auf den Rotweinextrakt zurückzuführen sind, ist dabei wissenschaftlich kaum festzustellen, es sei denn, durch eine gezielte Interventionsstudie und den Vergleich der Wirkungen mit bzw. ohne Rotweinextrakt in dem Nahrungsergänzungspräparat. Extrakte, Konzentrate etc. aus Gemüse und Obst sind grundsätzlich keine Alternative zum täglichen Verzehr von 5 Portionen Gemüse und Obst in unerhitzter und erhitzter Form. Nur bei direktem Verzehr wird wirklich das ganze Spektrum an essentiellen und bioaktiven Substanzen aufgenommen. Dies gilt besonders auch für die Ballaststoffe, die z. B. bei Presssäften und ähnlichen Produkten kaum im Endprodukt enthalten sind. Ein grundsätzlicher Punkt, der neben einer geringen Aufnahme an Gemüse und Obst eine ungesunde Ernährung charakterisiert, ist eine hohe Aufnahme an Nahrungsenergie und Fett. Doch dies lässt sich durch die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln nicht verbessern. Mit regelmäßigem Verzehr von mindestens 5 Portionen Gemüse und Obst ist jedoch ein positiver Einfluss auf Energie- und Fettzufuhr ebenso wie auf die Sättigung möglich. Gerade für den langfristigen gesundheitlichen Erfolg einer diätetischen Maßnahme ist dies sehr wichtig.

Abschließend ist auch der ökonomische Aspekt solcher Nahrungsergänzungsmittel zu berücksichtigen. So kostet z. B. 1 Rotweintablette, die 15 mg Anthocyane liefert, 0,29 €. Ein Glas Traubensaft (200 ml) hingegen kostet etwa 0,20 € und kann bereits 68 mg Anthocyane enthalten (Bub et al. 2001). Ein Teelöffel (5 ml) Obst- und Gemüseextrakt täglich, der laut Vermarkter „fast einem halben Pfund frischem Obst und Gemüse entspricht“, kostet 0,75 € somit kostet ein Kilo Obst und Gemüse in dieser Form mindestens 3 €. Gemüse- und Obstkapseln nach Herstellerempfehlung eingenommen, verursachen Kosten in Höhe von etwa 1,70 €/Tag. Für diesen Preis können je nach Lebensmittelauswahl bereits 5 Portionen Gemüse und Obst gekauft werden, die Geschmack, Genuss und mehr Gesundheit bringen können.

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Schlussfolgerungen: Bei Nahrungsergänzungsmitteln auf der Basis von Gemüse- und Obstextrakten fehlt gegenwärtig in der Regel der wissenschaftliche Nachweis der behaupteten gesundheitlichen Wirkungen. Die Übertragung wissenschaftlicher Befunde aus Studien, die direkt die Wirkung von Obst- und/oder Gemüse untersucht haben, auf Nahrungsergänzungspräparate ist wissenschaftlich nicht zulässig. Der Nachweis einer gesundheitlich relevanten Wirkung muss jeweils für das einzelne Nahrungsergänzungspräparat erbracht werden, weil ansonsten der Verbraucher irregeführt und getäuscht wird.

Anmerkung der Redaktion:
Vitamin- und Mineralstoffpräparate ersetzen grundsätzlich keine vollwertige und ausgewogene Ernährung und sollten auch nicht als Alibi für einseitige Eßgewohnheiten eingenommen werden. Sinnvoll kann ihre Anwendung jedoch bei Risikogruppen sein (z. B. starke Raucher, Streßbelastete, werdende und stillende Mütter, Kranke, Hochleistungssportler, Hochbetagte bzw. bei Durchführung einer Reduktionskost). Bei diesen Personengruppen ist eine ausreichende Versorgung mit bestimmten Nährstoffen über die Nahrungsaufnahme häufig nicht möglich (DGE-Beratungspraxis August 1998). So bestätigen z.B. zahlreiche Studien die Essentialität von Vitamin C für die Gesundheit des Menschen (Vitaminspur 2 (2001) 61). Vitamin C stärkt die Abwehrkräfte und trägt langfristig dazu bei, chronischen Krankheiten wie beispielsweise Arteriosklerose und Krebs vorzubeugen (DGE aktuell 01/2001 vom 9.1.2001).


Über die gesundheitsfördernden und gesundheitserhaltenden Wirkungen einer Nahrungsergänzung mi
t Ubichinon Q10, Vitamin C und Selen informieren sie die wissenschaftlichen Informationen und Nachweise auf dieser Website

Literatur:

Alpha-Tocopherol, Beta-Carotene Cancer Prevention Study Group: The effect of vitamin E and beta carotene on the incidence of lung cancer and other cancers in male smokers. N Engl J Med 330 (1994) 1029–1035
Bub A, Watzl B, Heeb D, Rechkemmer G, Briviba K: Malvidin-3-glucoside bioavailability in humans after ingestion of red wine, dealcoholized red wine and red grape juice. Eur J Nutr 40 (2001) 113–120
Hauner H, Watzl B: Antioxidantien in der Ernährung und Arteriosklerose. Dtsch Med Wschr 126 (2001) 213–217
Inserra P, Jiang S, Skoloff D, Lee J, Xu M, Wise JA, Hesslink R, Watson RR: Immune function improves during fruit and vegetable extract supplementation. Abstr. 38th Annual Meeting of the American Society of Cell Biology, 1998
Joshipura KJ, Hu FB, Manson JE, Stampfer MJ, Rimm EB, Speizer FE, Colditz G, Ascherio A, Rosner B, Spiegelman D, Willett WC: The effect of fruit and vegetable intake on risk for coronary heart disease. Ann Inter Med 134 (2001) 1106–1114
Liu S, Lee IM, Ajani U, Cole SR, Buring JE, Manson JE: Intake of vegetables rich in carotenoids and risk of coronary heart disease in men: the Physicians' Health Study. Int J Epidemiol 30 (2001) 130–135
Müller H, Bub A, Watzl B, Rechkemmer G: Plasma concentrations of carotenoids in healthy volunteers after intervention with carotenoidrich foods. Eur J Nutr 38 (1999)35– 44
Naska A, Vasdekis VDS, Trichopoulou A, Friel S, Leonhäuser IU, Moreiras O, Nelson M, Remaut AM, Schnitt A, Sekula W, Trygg KU, Zajkás G: Fruit and vegetable availability among ten European countries: how does it compare with the ‚five-a-day' recommendation? Brit J Nutr 84 (2000) 549–556
National Institute of Medicine: Dietary Reference Intakes for Vitamin C, Vitamin E, Selenium and Carotenoids. S. 332. National Academy Press, Washington, 2000
van der Sluis AA, Dekker M, Jongen WMF: Flavonoids as bioactive components in apple products. Cancer Lett 114 (1997) 107–108
Smith MJ, Inserra PF, Watson RR, Wise JA, O'Neill KL: Supplementation with fruit and vegetable extracts may decrease DNA damage in the peripheral lymphocytes of an elderly population. Nutr Research 19 (1999) 1507– 1518
Terry P, Giovannucci E, Michels KB, Bergkvist L, Hansen H, Holmberg L, Wolk A: Fruit, vegetables, dietary fiber, and risk of colorectal cancer. J Natl Cancer Inst 93(2001) 525–533
Wagner G, Schröder U, Merkelbach C: Beeinflussung des Status ausgewählter antioxidativer Vitamine und Enzymsysteme durch ein Obst- und Gemüsekonzentrat. ZAT Journal 1-2 (1996) 7–15
Watzl B, Bub A, Blockhaus M, Herbert BM, Lührmann PM, Neuhäuser-Berthold M, Rechkemmer G: Prolonged tomato juice consumption has no effect on cell mediated immunity in well-nourished elderly men and women. J Nutr 130 (2000) 1719–1723
Watzl B: Krebsprotektive Nahrungsinhaltsstoffe. Ernährungs-Umschau 48 (2001) S52– S55
Williams DEM, Wareham NJ, Cox BD, Byrne CD, Hales CN, Day NE: Frequent salad vegetable consumption is associated with a reduction in the risk of diabetes mellitus. J Clin Epidemiol 52 (1999) 329–335
Wise JA, Morin R, Sanderson R, Blum K: Changes in plasma carotenoid, alpha-tocopherol, and lipid peroxide levels in response to supplementation with concentrated fruit and vegetable extracts: a pilot study. Curr Therap Res 57 (1996) 445–461
World Cancer Research Fund/American Institute for Cancer Research: Food, Nutrition, and the Prevention of Cancer: a Global Perspective. American Institute for Cancer Research, Washington, 1997

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